Testbericht, Nachbearbeitung
Erfahrungsbericht Avid Xpress DV 3.5
Mittwoch, 22. Januar 2003: Noch gar nicht so lange ist es her, dass Avid mit Xpress DV antrat, die Rolle des Spitzenreiters beim DV-Editing zu erobern. Dafür sollten neben der bekannten und bewährten Avid Arbeitsoberfläche vor allem über 100 Echtzeiteffekte sorgen – und das ohne zusätzliche Hardware. Allerdings gab es Avid Xpress 3.0 nur für den PC. Damals bereits angekündigt war die Version für den Macintosh. Mit dem Update 3.5 ist dieser Schritt nun vollzogen. Avid Xpress DV 3.5 läuft unter Windows XP und Mac OS X. Und nach eigener Aussage will man den Konkurrenten Final Cu Pro schnell von der Führungsposition auf dem Mac vertreiben. Das wichtigste neue Feature dazu: die Echtzeitfarbkorrektur, die der des großen Bruders Symphony nachvollzogen wurde und einiges mehr bietet als Apple's Final Cut Pro. Für den PC ist die neue Version allerdings nur ein kleiner Schritt.
Die Standardversion von Avid Xpress DV 3.5 gibt es für 1900,-- Euro, das „PowerPack“ für 2700,- Euro und das „EduPack“, das für Lehrbetriebe und Studenten bestimmt ist, für 930,-- Euro.
Das Standardpaket wird mit Boris FX 6.1, Boris Grafitti 2.1 und Sonic Solution DVDIT! 2.5.2 Se (nur Windows) ausgeliefert. Das PowerPack enthält zusätzlich Avid Image Stabilize, Avid Illusion FX, Pinnacle Commotion 4.0, Sonic Solution DVDIT! SE, Knolls Light Factory AVX und DV–Filmmakers Toolkit.
Xpress DV 3.5 arbeitet auf dem PC nur noch mit Windows XP Professional und auf dem Macintosh ab Mac OS X 10.4.
Das DV Material kann sowohl im Seitenverhältnis 4:3 als auch 16:9 in DV 25 (4:2:0) und in DVCPRO 25 (4:1.1) eingespielt und bearbeitet werden. Die Wahl des DV Formats erfolgt, wie fast alle anderen Basis-Einstellungen, im RECORD TOOL, sodass man sehr schnell mit dem Aufnehmen von Clips und der Bearbeitung beginnen kann. Die Einstellungen sind von Anfang an so gewählt, dass man einen schneller Einstig findet, ohne sich großartig mit den sehr umfangreichen Voreinstellungen beschäftigen zu müssen. Doch lässt sich das Programm im Projektfenster auch nach eignen Wünschen und Bedürfnissen gestalten, ob es sich nun um die Anordnung, Farbe und Form der Bearbeitungsfenster handelt oder die Funktionstasten, die je nach Bedarf auf die Fenster und auch auf die Tastatur gelegt werden können. Und das einfach per “drag and drop“ aus einer Beispielpalette (genannt: Command Palette).
Nach wie vor kann man sich einen „User“ anlegen und unter diesem seine Projekte verwalten. Das System übernimmt dabei automatisch den „Unix-User,“ der gerade unter MAC OS X eingeloggt ist.
Die Oberfläche ist, verglichen mit der Version 3.0, dieselbe geblieben, zumindest in der Grundeinstellung. Doch die Toolsets, mit denen sich unterschiedliche Anordnungen der Bearbeitungsfenster abspeichern lassen, wurden um den Punkt Color Correction erweitert, sodass einem jetzt sechs Toolsets zur Verfügung stehen, auf denen eigene Konfigurationen abgespeichert werden können.
Verwaltet wird ein Projekt im Projektfenster, das mit dem Namen des Users und des Projektes überschrieben ist und in dem „Bins“ angelegt und geordnet werden können. Bins sind Container, in denen die Clips abgelegt werden. Alle wichtigen Daten für ein Projekt lassen sich hier anzeigen, verwalten und aufrufen. Hier kann schnell zwischen den Ordnern, den Einstellungen, den Übergängen und den Projektinfos hin- und hergeschaltet werden.
Die Aufnahme und auch das Batch-Capuring erklärt sich von selbst, und dank einer verbesserten „Timcodeverarbeitung“ wird auch bei Timecodesprüngen ein exakteres Aufnehmen möglich. Wer ganze Bänder einspielen will, der wird an der neuen automatischen Szenenerkennung seine Freude haben, die erkennt , wann die Aufnahme bei einem Camcorder gestartet und gestoppt wurde, und danach die Clips trennt. Photoshopdateien können begrenzt auch mit unterschiedlichen „Layern“ importiert werden. Probleme beim Capturen gab es nur bei Clips, deren Timecode weniger Vorlauf als sechs Sekunden hatte.
Im Projektfenster befinden sich die Übergänge und Videofilter, und hier sind die Container für die Clips (=Bins) aufgelistet. Mit dem „SuperBin“ lassen sich verschiedene Bins in einem Fenster öffnen. Das sorgt für Übersicht, denn so ist immer nur ein Bin-Fenster auf der Arbeitsoberfläche sichtbar. Um die Clips auf der Festplatte und innerhalb der Bins zu organisieren, stehen umfangreiche Möglichkeiten zur Verfügung. Clips können gelöscht, verknüpft und kopiert werden, ohne dass man Xpress DV verlassen muss. Nicht zu vergessen der „Consolidate“ Befehl, mit dem nicht verwendetes Material von der Festplatte gelöscht wird, so dass alles, was in der Timeline vorhanden ist, auch erhalten bleibt.
Eine Einheit bilden die Timeline, in der die Clips zu Sequenzen angeordnet werden, und der Composer, der sozusagen den Kontrollmonitor für die Timeline darstellt. Öffnet man einen Clip, setzt man „Marker“, bearbeitet die Clips in dem Monitorfenster und zieht sie dann per „drag and drop“ in die „Timeline“. Anwender, die Premiere oder Final Cut Pro gewöhnt sind werden hier einen entscheidenden Unterscheid feststellen: Um Clips in der Timeline zu verschieben oder zu bearbeiten, muss man immer erst eine der beiden Bearbeitungsmodi frei schalten, die sich unten am Timelinefenster befinden. Andernfalls kann man nur in der Timeline die momentane Abspielposition festlegen. Dahinter steht das Prinzip, dass die Clips im Composer bearbeitet werden und in der Timeline nur an der linearen Anordnung gearbeitet wird.
Neben acht Video- und Audiospuren gibt es umfangreiche Möglichkeiten zum „Nesting“, d.h. mehrere Spuren können in der Timeline zu einer zusammengefügt werden. Das erhöht die Übersichtlichkeit und hilft vor allem beim Schnittbetrieb mit nur einem Monitor/Display. Verglichen mit anderen Programmen wie Premiere oder Final Cut pro klingt das natürlich wenig, doch kann man fertige Sequenzen auch wieder in eine neue Sequenz einsetzen, sodass man eigentlich immer genug Spuren zur Verfügung hat.
Wirklich praktisch ist, dass man die Darstellung der Clips und der Spuren in der Timeline nach eigenen Vorlieben gestalten kann. Dazu gehören die Größe der Spuren, die Anzeige der Audiodaten mit „Waveform“ und/oder Gummiband und die freie und stufenlose Skalierbarkeit der gesamten Timeline
Bei einem professionellen Schnittprogramm darf die Trimmansicht nicht fehlen. Hier kann der genau Schnittpunkt zweier Clips auf das Einzelbild genau festgelegt werden, und das sowohl mit der Maus als auch über numerische Eingaben. Die numerischen Eingaben sind ein Prinzip, das sich bei fast allen Operationen anwenden lässt. Dabei gibt man z.B. einfach –622 ein und der Clip wird um 6 Sekunde und 22 Einzelbilder gekürzt (=Timecode 00:06:22). Die Punkte zwischen den Zahlen kann man einfach weglassen. Hat man sich einmal an diese Arbeitsweise im Trimmfenster gewöhnt, will man gar nichts anderes mehr, denn sie gestattet schnelles und exaktes Arbeiten. Auch das Rangieren eines Clips zwischen zwei anderen Clips ist hier möglich.
Seit der Version 3.0 verfügt Avid mit Xpress DV über die ausgefeilteste Echtzeitvorschau auf Softwarebasis für ein DV System. Alle Avid-eigenen Effekte und Übergänge können in Echtzeit dargestellt werden. Diese Vorschau ist jederzeit in der Timeline an- und abzuschalten. Die Ausgabe über die IEEE 1394 Schnittstelle ist jedoch nicht möglich, da es sich nur um eine Vorschau des eigentlichen Effekts in verminderter Qualität handelt. Über eine Dual Head Grafikkarte lässt sich die Vorschau allerdings auch auf einen zweiten Monitor ausgeben. Und die Qualität der Echtzeiteffekte ist ausreichend, um die Bildwirkung beurteilen zu können. Damit man gleich sieht, welche Effekte in diese Echtzeitvorschau integriert sind, haben diese einen grünen Punkt.
Die Echtzeitvorschau
Alle Avid-eigenen Effekte und Übergänge funktionieren in Echtzeit (Vorschau) und müssen für eine erste Begutachtung nicht gerendert werden. Die Echtzeitvorschau hat einiges zu bieten: Die Veränderung von Bildparametern, Bild im Bild Effekte, Luma- und Chroma Keys und einfache Titel werden alle sofort dargestellt. Nicht zu vergessen die neue Farbkorrektur (siehe gesondertes Fenster). Durch den Softwarecodec hängt die Anzahl der Effekte und Spuren stark von der Rechenleistung ab. Das Testsystem war ein G4 Mac mit 2x 450 MHz Prozessoren und 384 MB RAM. Ein Bild im Bild Effekt und eine Farbkorrektur mit einem Titel werden noch dargestellt, auch wenn es einige „Ruckler“ in der Wiedergabe gibt. Der Beurteilung schadet das aber nicht. Ebenfalls funktionierte eine Farbkorrektur mit einem 16:9 Balken, einem Bild im Bild Effekt und einem Titel. Bei drei Bild im Bild Effekten war Schluss mit der Echtzeitdarstellung. Positiv ist aber, dass der Rechner schon gezeigte Effekte weglässt und nur die aktuellen darstellt. Ebenso war ein Luma-Key gleichzeitig mit einer Überblendung und einer Farbkorrektur kein Problem. Die Echtzeitvorschau lässt sich jederzeit über einen Button auf der Zeitleiste aktivieren und deaktivieren. Insgesamt überzeugt die Qualität der Echtzeitvorschau, und auf einem Rechner der neusten Generation dürfte hinsichtlich der Echtzeitdarstellung kaum noch ein Wunsch übrig bleiben. Alle Effekte, die in Echtzeit dargestellt werden können, sind mit einem grünen Punkt gekennzeichnet. Um auch bei sehr komplizierten Effekten über mehrer Spuren eine Vorschau zu bekommen, kann man auch die Qualitätsvorschau noch verringern und so die Zahl der Spuren und Effekte erweitern.
Bei der Arbeit auf dem Apple fällt auf, dass das Programm bei einigen Operationen etwas mehr Zeit benötigt, um zu reagieren, als in der Windows-Version. Darüber hinaus kommt es bei der Darstellung von Übergängen in Echtzeit des öfteren zu Programmabstürzen. In diesem Fall muss das Programm neu gestartet werden. Dabei gehen keine Daten verloren.
Das Compositing
Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Bearbeitungsmöglichkeiten, wie einen umfangreichen „Keyframer“, mit dem man den Ablauf von Effekten über Keyframes und Kurven steuern kann. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, abwechslungsreiche Compositing Aufgaben mit Boris FX 6.1 zu erledigen.
Die Farbkorrektur:
Das „Drei-Monitor-Fenster“ der Farbkorrektur ist darauf ausgerichtet, die einzelnen Clips in der Farbstimmung aufeinander abzustimmen. Im mittleren Fenster sieht man immer den aktuellen Clip der Zeitleiste, die beiden andern zeigen den vorhergehenden und den nachfolgenden Clip. Jetzt kann man entweder eine Farbkorrektur über die Farbkreise oder die einzelnen Rot-, Grün- und Blaukurven durchführen. Besonders hilfreich ist der nachträgliche Weißabgleich, in dem man sich einen Weißwert des anderen Clips mit der Pipette abgreift und auf den andren Clip überträgt. Eine Vorher-Nachher Ansicht zeigt einem das Ergebnis im Vergleich zum alten Clip. So lassen sich Farbkorrekturen exakt durchführen oder umfangreiche Farb- und Filtereffekte bis zu extremen Verfremdungen erzeugen.
Die Audionachbearbeitung
Glänzen kann Avid Xpress DV vor allem durch seine hervorragende Audionachbearbeitung.
Mit dem Punch In Tool wird ein Audiokommentar direkt in die Timeline aufgenommen. Die acht Audiospuren können über einen Audio Mix down zu einer vereinigt werden, sodass noch weitere Spuren zur Verfügung stehen. Die Weiterarbeit mit anderen Programmen wie Pro Tools ermöglicht der Export von OMF und AAF Dateien. Der Ton kann durch einen Mischer live beim Abspielen verändert werden.
Die Ausgabe
Für die Ausgabe auf Band steht das komfortable „Digital Cut Tool“ zur Verfügung, das ähnlich aufgebaut ist wie das „Record Tool“. Auch auf Assemble-Schnitt muss man bei Xpress DV 3.0 genauso wenig verzichten wie auf das Voranstellen eines Farbclips oder eines Schwarzbildes. Ebenso kann der Film als Quick Time exportiert oder an ein DVD Programm weitergegeben werden. Dabei beschränken sich die Möglichkeiten aber auf den einfachen Export der Timeline.
Fazit:
Das Bearbeitungsprinzip unterscheidet sich nur in der Timeline maßgeblich von der Konkurrenz, die hier auf das Werkzeugspitzenprinzip wie bei Photoshop setzt. Avid hingegen kennt nur den Abspielmodus und zwei Einfügen-Modi, alle anderen Arbeitsschritte werden im Composer erledigt. Das Bearbeitungsprinzip ist für Final Cut Pro Anwender allerdings gewöhnungsbedürftig. Fest steht: Avid Express DV 3.5 wird es Final Cut Pro und Premiere auf dem Mac sehr schwer machen. Die Echtzeitvorschau funktioniert besser und in der Audionachbearbeitung ist man den Kollegen bei weitem überlegen. Gegenüber der PC-Version weist die Mac Variante noch ein paar kleine Fehler auf, so ist die Reaktionszeit auf Befehle meist etwas länger und das Programm stürzt ab und zu mal ab. Das Betriebssystem bleibt davon aber unberührt. Der Avid-Titler kann nur Basisaufgaben meistern, doch Boris Grafiti und FX schließen die Lücke zu Final Cut Pro bei den Compositingaufgaben wieder. Dafür muss man aber auch ganz schön tief in die Tasche greifen. Doch Studenten aufgepasst: Mit dem nötigen Studiennachweis (Immatrikulationsbescheinigung) gibt es das Power Pack für 1300,-- Euro. Um einen schnellen Einstieg zu finden, stehen einem drei Handbücher zur Verfügung, die zwar gut ausgearbeitet, aber nur in englischer Sprache sind.
Für Wen?
Avid Xpress DV 3.0 ist ohne Frage für den sehr anspruchsvollen Hobbyisten und den professionellen Videoproduzenten geeignet, für die der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielt. Produzenten, die auf dem DV Format drehen, haben mit einem Avid-System automatisch eine große Anzahl an freiberuflichen Cuttern zur Verfügung. Für alle, deren Berufswunsch Cutter ist, könnte sich die Anschaffung lohnen, denn auf dem Fernsehmarkt sind Avid Cutter immer noch die gefragtesten. Und wo lernt man schneller und besser als bei eigenen Projekten und auf seinem eigenen System!
PC Anwender, die Wert auf die verbesserte Farbkorrektur und auf die dadurch mögliche Zeitersparnis legen, profitieren vom neuen Update.
Steckbrief
Hersteller: Avid
Preis: Standardversion: 1900 EURO, Power Pack 2700 EURO jeweils zzgl. MWSt.
Internetadresse: www.avid.de
Kategorie: Videoschnitt- und Effektsoftwarepaket
Anmerkung: Ab Mac OS X 10.4 und Windows XP Professional. Echtzeitvorschau ohne zusätzliche Hardware.

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