Ton

Der Geräuschemacher: Wenn ein Fahrrad bremst rutscht ein Feuerzeug über eine Glasplatte!

Auf den ersten Blick gleicht das Aufnahmeatelier des Münchner Meloton Studios einem Trödelmarkt oder dem Kellerabteil meiner Großeltern. Alles was man längst weggeworfen hätte, liegt wohl geordnet in Regalen. Alte Telefone, Handwerkszeug wie Zangen, Sägen, Meissel, altes Spielzeug, Koffer, Schuhe, Eisenketten in unterschiedlichen Stärken. Die Palette ist unendlich. Auf dem Boden türmt sich ein Steinhaufen mit verschiedensten Steinsorten wie beispielsweise Kies, Asphalt, Granitbrocken. Davor liegen verschiedene Bodenplatten, Marmor, Stein, Holz, jede nur erdenkliche Art von Straßen und Raumbelägen. In einer anderen Ecke befindet sich ein großes Waschbecken, ebenfalls umstellt mit Regalen voller Flaschen, Krügen, Bechern und Haushaltswaren. Nur die große weiße Leinwand und die vielen Mikrophone, welche über und neben den Gegenständen hängen, lassen vermuten, was hier passiert.

Camgaroo:

Wie arbeitet ein Geräuschemacher? Nehmen Sie Geräusche real auf, oder verfremden Sie diese synthetisch?

Mel Kutbay:

Folgende Szene: Sagen wir, ein Auto fährt einen Menschen auf der Straße an. Natürlich drehen Sie das mit einem Stuntman. Das Auto fährt langsam, er springt drauf und fällt wieder runter. Dann ist dieser Aufprall natürlich nicht da. Vielleicht schlägt er auch gegen die Scheibe, die Scheibe geht kaputt, er fällt auf den Asphalt, und es macht „bum“.

Diese Geräusche kann man natürlich nicht aufnehmen. Vielleicht nimmt man sogar eine Puppe, und dann haben Sie auch nicht das wirkliche Geräusch für die Dramaturgie. Ja, dieser Unfall ist eine Komposition von verschiedenen Tönen. Jetzt lachen Sie nicht, vielleicht nehme ich einen Koffer, einen Metallkoffer, und haue erst einmal mit der Faust drauf. Die Töne entstehen zuerst im Kopf, bevor man die Geräusche gemacht hat. Dann können wir ein gewisses Quietschen addieren. Es macht „bum-quätsch“. 

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Und dann der Aufprall auf die Scheibe: Ein anderer Klang kommt hinzu, der nicht so metallisch klingt, ein bisschen dumpfer. Jetzt splittert die Scheibe. Eine Sicherheitsglasscheibe, die nicht bricht, keine Scherben, sondern in sich zerbirst. Ach ja, bevor man die Splitter macht, noch einen kleinen Metallquietsch. So, der Mann rutscht von der Haube, es macht einen tiefen „Quätsch“, dann klatscht er auf den Boden. Ich brauche einen Klang, der seinem Körper entspricht, dann klatscht er mit dem Kopf auf den Asphalt. Dann geht man mit allen Geräuschen in den Schneideraum, und nach dem Bild schneidet man diese Geräusche genau synchron.

Den „Metallkoffer-Bums“, das „Quietsch“ ein bisschen später, drei bis vier Felder später, und dann entscheidet man, ob es innerhalb dieser Szene „Bum-Quietsch“ ist, oder ein längeres „Bum-Quietsch-kurzes Bum“. Ja, man timed es so. Man muss sehen, was am effektivsten ist. Und dann ist man fertig. Wenn jetzt dieses „Bum“ zu schal ist und man möchte dieses etwas tiefer, indirekter haben, dann gibt man diesen Ton in den Sampler und man macht ihn etwas langsamer, so dass es eine halbe oder sogar eine Oktave tiefer „Bum“ macht. Je nach Gefühl und wie man es im Kopf hört. 

Ja, ein Ton ist nie ein Ton. Es ist eine Agglomeration von vielen oder wenigen Tönen, aber gezielt angesetzt. 

Camgaroo:

Sie suchen sich also Gegenstände und probieren aus, welchen Ton Sie damit erzeugen?

Mel Kutbay:

Nein, der Ton entsteht ja im Kopf. Ich weiß, welche Gegenstände welchen Ton von sich geben. Wenn ich vom Bild her sehe - aha das Auto ist von der Beschaffenheit her ein Scheppern, dann nehme ich ein Blechstück, das resoniert mit, und schlage drauf. Ich addiere die Töne, bis der Klang richtig ist.

Camgaroo:

Sie arbeiten in Ihrem Studio mit Gebrauchsgegenständen?

Mel Kutbay:

Ja natürlich. Siebzig Prozent meiner Geräusche sind Handwerkszeug, dreißig Prozent sind Technik, Sampler, Synthesizer, Computer, auch Archivmaterial. Man hat hunderttausende von Tönen in seiner Library. Man hat eine Liste im Computer. Sie klicken einen Namen an oder suchen einen Begriff, sagen wir einen „hearing wind“, also einen pfeifenden Wind. Dann dauert es ein bisschen, der Computer sucht, und dann kommt „Ich habe nichts gefunden“. Gut dann schreiben Sie nochmal Wind, und er gibt Ihnen 48 verschiedene Winde. Gut, dann lesen Sie durch, und dann sehen Sie „kalter Wind“. Ah – das könnte es sein. Und dann können Sie den Wind höher oder tiefer pitchen, bis er zu dem Geräusch in Ihrem Kopf passt.



  • Geräuschemacher Mel Kutbay im Interview

  • Hier werden Schritte auf verschiedenen Böden simuliert

  • Reichhaltige Auswahl: Hier ist die Abteilung für verschiedene Glocken

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