Ton

Der Ton macht die Musik, Teil 2

Was viele Filmemacher für die Nachbearbeitung an Zeit aufwenden ist bemerkenswert. Da wird Wochen und Monate an jeder Szene des Films gearbeitet, gefeilt, modifiziert oder gekürzt. Nicht halb so viel Zeit wenden allerdings die meisten für die Ton-Nachbearbeitung auf, damit diese ausgewogen und wie selbstverständlich zum Filmbild passt. Musik, Kommentare und zusätzliche Geräusche mit den Originaltönen der Videoaufnahmen vermischt, schaffen Klangbilder, die dem Film Leben einhauchen.

Wie bereits in der Camgaroo-Ausgabe 01/05 geschildert, ist der erste Stepp bei der Tongestaltung die Ausgewogenheit des Originaltons. Bei jeder Filmszene sollte überprüft werden, ob der vorhandene Filmton zu den einzelnen Aufnahmen ausreichend ist, oder ob durch Hinzufügen von zusätzlichen Geräuschen der Gesamteindruck verstärkt werden kann. Auch ist in manchen Fällen das Austauschen des O-Tones gegen Geräuschen aus der „Konserve“ von Nöten.

Wenn nun das Endprodukt dieser Tongestaltung überzeugend zu den Filmbildern passt, wenn es so wirkt, als könne es nur so gewesen sein, dann wird es Zeit über die musikalische Unterstützung des neu gestalteten O-Tones nachzudenken.

In den Kinderjahren des Tonfilms war man davon überzeugt, dass Musik ein Fremdkörper des Films sei. Auf der Flucht durch den Urwald, Musik zur dramatischen Unterstützung der Handlung einzusetzen, war begleitet mit der Frage: Wo steht denn im Urwald ein 24-köpfiges Orchester? Erst einige Jahre später begann man zu begreifen, dass die gehörte Musik nicht im realen Bezug zur gesehenen Handlung zu verstehen ist, sondern die Wahrnehmung des Gesehenen dramatisch unterstützen kann. Musik wurde zum festen Bestandteil im Filmgeschäft und erst heute nicht mehr weg zu denken.

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Nur wenigen Regisseure hatten danach den Mut, auf Filmmusik gänzlich zu verzichten. Bestes Beispiel ist ein Filmklassiker von Alfred Hitchcock. In seinem Thriller „Die Vögel“ von 1963, gibt es nicht einen Fetzen Musik.

Die dramatische Handlung wird ausschließlich durch eine effektvolle Geräuschkulisse unterstützt. Machen Sie sich einmal den Spaß und fragen einen Filmfreund danach, ob er sich an die Musik aus dem Film „Die Vögel“ erinnert. Er wird überlegen. In meinem letzten Dokumentarfilm über die „Geschichten einer kleinen Stadt“ gibt es eine Sequenz, in der die Filmhandlung dreihundert Jahre in die Vergangenheit zurückgeht. Meine Vorstellung war eine Kollage aus bewegten Standbildern, auf denen sich wiederum Piraten in bedrohlichen Haltungen und Abbildungen von Piratenschiffen aus unterschiedlichen Positionen befanden.

Diese Motive sollten kreuz und quer durch das Bild fahren, sich miteinander vermischen. Einkopierter Nebel, Feuer aus Explosionen und Lichtblitze aus Kanonenrohren würden die Darstellung unterstützen. Symbolhaft sollte diese Kollage einen der schwersten Piratenangriffe an der spanischen Ostküste darstellen und ein „Off-Text“ diese Szenerie beschreiben.

Die Tongestaltung hierzu wurde eine ganz besondere Herausforderung, obwohl diese Sequenz nur, angepasst an den Text, ca. eine Minute lang werden sollte.

Als erstes suchte und fand ich eine Musikpassage, die den geschlagenen Takt des Antreibers der Ruderer auf den Piratenschiffen akustisch darstellt. Dazu entnahm ich von diversen Vertonungs-CD ́s die Geräusche des Abschießens von Kanonenkugeln und des Explodierens von Bomben und Granaten. Ebenso das Leuten von Schiffsglocken. Tonaufnahmen von einem Volksfest, mehrfach ineinanderkopiert, sollte die Illusion von wild durcheinander laufenden Menschen schaffen.

Die Sequenz beginnt in der Gegenwart bei den Fischern am Strand, die sich Geschichten ihrer Vorfahren erzählen, die die Piratenangriffe noch miterlebt haben.

Über die Bilder der diskutierenden Fischer steigt Nebel hoch und es tauchen Piraten auf. Schiffe, Explosionen, Feuer, fliehende Menschen, bis der Nebel sich lichtet und der Betrachter wieder in der Gegenwart versetzt wird.



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