Aktuelle Produktion, Interview

Mit dem Camcorder unterwegs: Über ein Leben in Kolkata

 Mittwoch, 11. Juli 2012: Michael Preis hat beim Camgaroo Award 2011 den ersten Platz im Genre Dokumentarfilm „Reisen/Kultur“ mit seinem Film „Solange die Füße tragen“ gewonnen. Der Kurzfilm beeindruckte die Jury durch seine Unmittelbarkeit und seine tiefen und objektiven Einblicke in das menschliche Leben des Rikschaziehers, ohne mit dem westlichen Finger darauf zu zeigen. Wir haben den Filmemacher gebeten, uns etwas über die Entstehung des Films zu erzählen.

Der Indienreisende sollte das Fremde nicht fürchten. Er sollte versuchen, das Leben in sich aufzunehmen, ohne es zu werten oder gar zu verurteilen. Eine Indienreise zu unternehmen heißt, indische Maßstäbe begreifen zu lernen. Faszination und Verunsicherung liegen dicht beieinander. Es heißt, Indien ist maßlos, das gilt sowohl für die Schönheit als auch für die Hässlichkeit. Begleiten Sie meine Frau Hannelore und mich auf einen Teil der Reise in die 14-Millionen-Metropole Kolkata.

Das ehemalige Calcutta war lange Zeit Hauptstadt von Britisch-Indien. Indien hat die Kolonialzeit sozusagen aus den Städtenamen gelöscht und vielen Städten ihren ursprünglichen Namen zurückgegeben. Aus dem einstigen Fischerdorf Kali Guata, was Ufertreppe der Göttin Kali bedeutet, wurde der heutige Name Kolkata abgeleitet. 

Kali, die schwarze Göttin, ist im Hinduismus die Göttin des Todes, der Zerstörung, aber auch der Erneuerung. Sie ist die Schutzgöttin der Stadt. 

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Kolkata liegt am Hooghly River, einem Mündungsarm des Ganges. Die geografisch ungenaue Zuordnung im seinerzeitigen Schlager ist wohl zugunsten des populäreren heiligen Flusses der Inder gewählt worden. 

Kalkota ist „Eine Stadt, die dich auffrisst mit Haut und Haaren“

Die Stadt ist Sinnbild für Lärm, Elend, Tod und unerfüllte Hoffnungen. Der Ruf der Stadt wird nachhaltig durch das Wirken von Mutter Teresa geprägt, die weltweit das Sterben auf den Straßen der Stadt bekannt machte. Dieses Image halten die Bewohner Kolkatas nicht für gerechtfertigt. 

Viele sind stolz auf ihre Stadt, sie habe eine Seele, sagen sie. Für viele ist die Stadt ein Symbol der Hoffnung.

Kolkata ist eine Industriestadt, mit einem Kulturzentrum und Universitäten. Sie hat den Ruf, Stadt der intellektuellen Garde zu sein. Heimat für viele Künstler von Film, Dichtung und Tanz. Theater- sowie Musikaufführungen sind weitere Zeichen für eine vorhandene Kulturszene. 

Die andere, bekanntere Seite sind der chaotische Straßenverkehr, die Verwahrlosung der Menschen ohne Unterkunft, Hunger, Krankheiten, der allgegenwärtige Tod, die Luftverschmutzung. Bettlerinnen, die an den Rotphasen der Ampeln verstümmelte Kinder als Argument für ein paar Rupees an das Autofenster halten. Kein Indien für Einsteiger. „Eine Stadt, die dich auffrisst mit Haut und Haaren“, ist eines der vielen Wort-Bilder über Kolkata. Wenn man das alles vor der Reise liest, fragt man sich unwillkürlich, ob man sich das richtige Reiseziel ausgewählt hat. 

Wenn du es unterwegs genauso haben willst wie zu Hause, dann verschwende dein Geld nicht fürs Reisen.

Hannelore und ich lassen uns auf das Indien-Wagnis ein. Eine 5-wöchige, individuelle Reise mit Wagen und Fahrer, Flugzeug und Eisenbahn durch den Subkontinent, die in Kolkata beginnt. Am Flughafen werden wir von Ramen Basu erwartet, einem Inder, der uns in den folgenden zwei Tagen die Stadt näher bringen will. 

Die Nacht im Lytton-Hotel in der Sudder Street wird nervig. Müde wie wir sind, können wir erst nach langen Gesprächen und durch eine Zuzahlung aus einem unzumutbaren finsteren Raum in einen größeren umziehen. Wir haben den Eindruck, dass es eine Taktik ist, um an Geld zu kommen. Laute Disco-Musik, Autohupen, Hundegebell auf der Straße, wir schlafen wenig und unruhig. Aber: Wenn du es unterwegs genauso haben willst wie zu Hause, dann verschwende dein Geld nicht fürs Reisen.