Aktuelle Produktion, Interview

Mit dem Camcorder unterwegs: Über ein Leben in Kolkata

 Mittwoch, 11. Juli 2012: 

Das Tageslicht zeigt die Stadt von ihrer erwarteten Seite. Ströme von Menschen, die Lasten tragen, schieben, schleppen. Ein brüllender Verkehr raubt uns fast die Sinne. Dazwischen wahre Farborgien der Saris, überbordende Farben auf dem Blumenmarkt. Eindrücke, die etwas versöhnen mit den bedrückenden Bildern der Stadt. 

Ich will die Seite der Menschen sehen

Basu will uns die touristischen Höhepunkte zeigen, das indische Museum, die Kathedrale, Victoria Memorial. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich lieber die Seite der Menschen sehen würde. Ein Bild der Stadt, das den Besuchern nicht gerne gezeigt wird, so verstehe ich ihn. Doch ich bin unnachgiebig und sage ihm, dass ich eine Dokumentation über Kolkata drehen möchte. Schließlich einigen wir uns, den Anteil der touristischen Anlaufpunkte klein zu halten. Das Grab von Mutter Teresa, den Kontakt zu einem Rikschazieher, zu einer Frau, die auf der Straße lebt, den Kali-Tempel, empfiehlt Basu. Das hört sich vielversprechend an und wir sind nun eine freundschaftliche Gemeinschaft. 

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Autos und Menschen in den Straßen Kolkatas. Man könnte meinen, das ganze Volk ist dauernd unterwegs. Über 25000 Menschen drängen sich auf einem Quadratkilometer, bei uns ist die Belegung im 3-stelligen Bereich. Im Straßenbild sieht man kaum Tiere, die Lasten tragen oder ziehen. Menschenkraft ist billiger als die von Zugtieren. 

Mohammed – ein 91jähriger Rikscha-Zieher

Ich möchte von der Begegnung mit Mohammed Hussein Ishague erzählen. Mohammed ist 91 Jahre alt, ein Muslim, der den Sunniten angehört. Basu kennt ihn und so gibt es kein Problem, ihn für ein Portrait mit der Kamera zu gewinnen. Mohammed ist ein Rikscha-Zieher, ein Mensch, der vornehmlich Menschen in einem 2-rädrigen Gefährt mit seiner Körperkraft befördert. Ein menschliches Zugpferd im wahrsten Wortsinn. Zudem noch der älteste seiner Zunft in der Stadt. Ein Knochenjob, aber er wird beneidet, weil er Arbeit hat. 

Diese Art der Beförderung stammt noch aus der Zeit, als die Engländer Kalkutta als ihren Regierungssitz in Indien erkoren. Die handgezogenen Rikschas haben neben den alten Straßenbahnen die Kolonialzeit überlebt. 

Mohammed kam mit seinem Bruder aus einem kleinen Dorf im Bundesstaat Bihar nach Kalkutta. Sie suchten in der Großstadt ihr Glück, wie viele Gleichgesinnte in Indien. Kalkutta war für sie die Stadt der Hoffnung. Aber sie merkten bald, dass sie doch nur das Elend in ihrem Dorf mit dem Elend in der Stadt getauscht hatten. 

Mohammed erzählt, dass er damals 10 Jahre alt war und dass sie fast verhungert wären. Dann lernten sie einen Rikschabesitzer kennen, der ihnen Arbeit gab. Sie verdienten ein wenig Geld, das wenigstens ein bescheidenes Leben ermöglichte.  Sein Bruder starb bald darauf an Krebs und Mohammed schlug sich allein durch sein elendes Dasein.