Aktuelle Produktion, Interview

Mit dem Camcorder unterwegs: Über ein Leben in Kolkata

 Mittwoch, 11. Juli 2012: 

Ich fahre mit Mohammed durch die Straßen der Stadt. Er zieht mich auf schnellen Beinen durch den Verkehr, barfuss. Manchmal mahnt er mit lauten Rufen die Menschen, Rücksicht zu nehmen. Ich schwanke zwischen dem Gedanken, die Körperkraft eines Menschen auszunutzen und der Tatsache, dass ich nur durch meine Beförderung ein wenig zum Überleben von Mohammed beitrage. Aber wir wären nicht in Indien, wo man sich stetig mit solchen Überlegungen befassen muss. 

Das Steadystick-Stativ ermöglicht Aufnahmen aus außergewöhnlichen Perspektiven 

Für meine Filmaufnahmen benutze ich das STEADYSTICK, das ich vor Jahren beim Camgaroo Award gewonnen habe. 

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Videoaktiv

Eine Stativunterstützung, die es mir ermöglicht, die Kamera aus der Rikscha heraus bodennah an die Füße und an die Räder zu führen. So kann ich filmisch durch die Großaufnahmen die Wucht des körperlichen Einsatzes Mohammeds nachhaltig sichtbar machen. 

Menschenunwürdig, so heißt es von dieser Art der Beförderung. Aber noch unmenschlicher wäre es ohne die Arbeit für die Zieher. Dann würden nämlich mehr als 100.000 Menschen, die Fahrer und ihre Familien, verhungern. Die Rikscha hält sie am Leben.

Ein Ansteckmikrofon kann die Spontanität gefährden

Mohammed setzt sich in seiner Unterkunft auf einen Stuhl. Ich bitte Basu, ihn aus seinem Leben mit der Rikscha erzählen zu lassen. Um eine entspannte Atmosphäre zu erreichen, setze ich mich ohne Kamera dazu. Als ich merke, dass die Scheu vor einem Gespräch bei Mohammed gewichen ist, setzte ich die Kamera auf mein Reisestativ. Ich vermeide ein Ansteckmikrofon, weil dann die Spontanität gefährdet werden kann. Ein Richtmikrofon ist in fast allen Fällen ausreichend. 

Mohammed erzählt, dass er täglich von 5:00 Uhr früh bis um 14:00 Uhr die Rikscha zieht, also jeden Tag 9 Stunden. Manchmal verdiene er am Tag 50 Rupees, erzählt er weiter, das sind umgerechnet 1 Euro, manchmal auch das Doppelte. Er kaufe oft etwas in Kolkata und schickt es in sein Dorf, dann verdiene er zusätzlich etwas Geld. 

Schmunzeln müssen wir, als Mohammed erzählt, dass er in seinem Alter öfter Probleme mit seinen Gelenken habe. In seinem Dorf in Bihar massiert ihn dann seine Enkelin mit etwas Öl. Wenn er die Probleme hier in Kolkata habe, fahre er einfach die Rikscha, dann wären die Probleme gleich weg. 

Der Besitzer der Rikschas ist Mohammed Azhar. Er unterstützt auch die Filmaufnahmen und ist zu einem Interview bereit. Er verleiht die Rikschas seit 25  Jahren an die Zieher und repariert sie auch. Für die erste Schicht fordert er 20 Rupees von jedem Zieher und dasselbe nochmals für die zweite Schicht am Nachmittag. Er zahlt auch das Strafgeld, wenn die Fahrer in eine verbotene Straße fahren. Die Stadt, sagt er, will jetzt die Fahrzeuge abschaffen, um das Ansehen Kolkatas in der Welt zu verbessern. 



  • Mohammed – ein 91jähriger Rikscha-Zieher

  • Szene aus dem Film "Solange die Füße tragen"

  • Mohammed – ein 91jähriger Rikscha-Zieher

  • Filmemacher Michael Preis

  • Szene aus dem Film "Solange die Füße tragen"